(© Arinda Craciun. All rights reserved. )
Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 gilt weithin als Wendepunkt in der modernen europäischen Geschichte. Sie rückte die zunehmend intensiven Debatten und die wachsende Mobilisierung rund um Umweltverschmutzung und Energiepolitik – Entwicklungen, die sich seit den späten 1970er Jahren aufgebaut hatten – in den Vordergrund des öffentlichen Diskurses. In der umwelt- und technologiegeschichtlichen Forschung zu westlichen Ländern wurde dieses Ereignis unter anderem herangezogen, um die Entstehung eines breiten Anti-Atomkraft-Konsenses in Westdeutschland sowie das italienische Referendum zum Ausstieg aus der Atomkraft zu erklären.
Gleichzeitig hatten Umweltproteste seit den 1980er Jahren auch in Ost- und Südosteuropa erheblich an Dynamik gewonnen. In diesen Ländern diente der Widerstand gegen ökologisch zerstörerische Megaprojekte, die von zentral geplanten Volkswirtschaften vorangetrieben wurden, häufig als Katalysator für Unabhängigkeitsbewegungen, die letztlich zur Auflösung der Sowjetunion und des Warschauer Pakts im Jahr 1991 beitrugen.
Anlässlich des 40. Jahrestags von Tschernobyl untersucht das "Europäische Geschichtsforum 2026" aus historischer Perspektive die Ursprünge und die Entwicklung von Umweltbewegungen in ganz Europa sowie deren Verflechtungen mit dem Erbe von Tschernobyl. Der Schwerpunkt liegt auf sozialistischen und postsozialistischen Staaten, wobei auch eine vergleichende Perspektive auf Westdeutschland und das wiedervereinigte Deutschland eingenommen wird. Welche Faktoren trugen zur Entstehung von Umweltbewusstsein und Umweltbewegungen bei? Welche Akteursgruppen und politischen Formationen entwickelten sich, und wie überschneiden sich Umweltproteste mit anderen Protestbewegungen auf nationaler und internationaler Ebene? Welche politischen Erfolge wurden erzielt? Wo und warum wurden Umweltbelange an den Rand gedrängt? Auf welche Traditionen und Erfahrungen können heutige Umweltinitiativen aufbauen?
Das European History Forum findet zu einer Zeit statt, in der Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht nur zu unermesslichen Verlusten an Menschenleben und zur Zerstörung von Städten und Infrastruktur geführt hat, sondern auch zu dramatischen ökologischen Verwüstungen – oft als Ökozid bezeichnet. Das Forum wird daher mit einer Diskussion über den Zusammenhang zwischen autoritärer Herrschaft, Gewalt und Umweltzerstörung in der Ukraine und in Belarus eröffnet, den beiden Ländern, die am stärksten von der Katastrophe von Tschernobyl betroffen sind.
Unter anderem mit:
Tetiana Perga, Kiew/TU Berlin
Iryna Sukhi, Mitbegründerin von Ecodom und Koordinatorin des Green Network of Belarus